Behindert aber stolz!

Ein Unfall, eine schwere Krankheit – jeden kann es treffen. Jederzeit. Mittlerweile ist jeder Zehnte (!) in Deutschland behindert. Doch behindert sein heißt heute nicht mehr Abschied vom Leben. Es bedeutet, ein anderes Leben zu leben. So wie bei Karin Witt, Susanne Krahe, Josef Ströbl und Barbara Ullrich, die voller Selbstbewusstsein sagen: Ja, wir sind behindert, aber wir sind stolz auf das, was wir geschafft haben.

Mit jedem Schritt wogt das bodenlange cremefarbene Chiffonkleid von Karin Witt dramatisch auf der Bühne. Klassische Musik nimmt die Zuschauer auf den 700 Samtsesseln gefangen, hier im alterwürdigen Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien. Regisseur Christoph Schlingensief und sein Ensemble führen Richard Wagners „Fliegenden Holländer“ auf. Am Ende der Vorstellung reihen sich die Schauspieler am Rand der Bühne auf, nehmen den begeisterten Applaus entgegen. Nicht nur wegen ihres traumschönen Kleides sticht Karin Witt sofort ins Auge – sie geht ihren Kollegen gerade mal bis zum Bauch, ist kleinwüchsig, 1,25 Meter groß. „Ich liebe mein Hobby als Theaterschauspielerin, habe ein wirklich gutes Leben“, strahlt sie. Nur nachher, wenn sie von der Bühne geht, wird sie Mühe haben – mit den hohen Treppenstufen.

Karin Witt ist behindert. So wie rund 8,6 Millionen andere Deutsche. Was viele nicht wissen: Nur fünf Prozent der Behinderungen sind angeboren. Ein Autounfall, eine schwere Krankheit – und nichts ist mehr, wie es vorher war. In jedem vierten Fall ist es ein krankes inneres Organ, das zur Behinderung führt – 600.000-mal sind Herz- oder Kreislauf-Erkrankungen die Ursache. Der weitaus größte Teil (6,9 Millionen) der Behinderten ist schwerbehindert (siehe nächste Seite) – und die allermeisten Behinderten (75 Prozent) sind über 55.

Auch Susanne Krahe (50) zählte bis zu ihrem 30. Lebensjahr zu den „Gesunden“. Dann verlor sie ihr Augenlicht – Folge einer Jugend-Diabetes. „Als gesunder Mensch war blind zu werden immer meine größte Angst“, erinnert sie sich. „Drei Monate lang dauerte es. Damals lag ich völlig resigniert im Wintergarten meiner Eltern: Starrte durch die Scheibe und beobachtete, wie die Umrisse des Kastanienbaums über meinem Kopf von Tag zu Tag farbloser, verschwommener, dünner wurden. An meinem 30. Geburtstag gab es keinen Baum mehr. Und drum herum auch keinen Garten.“ Es wurde dunkel um Susanne Krahe – und erst sah es so aus, als sollte die Behinderung all ihre Träume zerstören: der lang ersehnte Beruf als Pfarrerin – plötzlich nicht mehr möglich. Aber es gab eine Alternative: Schriftstellerin. „Mein Beruf gab und gibt meinem Alltag Sinn und Erfüllung, trug mich auch über manche Krise“, sagt sie heute. Romane schreiben, obwohl man blind ist? Heute kein Problem mehr. Susanne Krahes Computer hat eine Spracherkennung und eine Lese-Software – sie kann völlig selbstständig arbeiten. Und ihr Erfolg zeigt: Der Blick des inneren Auges auf die Welt ist der wichtige.

 

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