Zum Wandern auf Mallorca
Mallorca? Dorthin wollte Ingrid Wickert nie. Doch dann lud ihre Freundin sie ein – zum Wandern im Nordwesten der Insel. Und mit jedem Schritt weiter kam sie mehr auf den Geschmack...
Die herrliche Gruppe der Balearen
© Jupco Smokovski
Wenn es ein Stück Erde gibt, das man gründlich kennen kann, ohne es je besucht zu haben, so ist es die herrliche Gruppe der Balearen.“ Was der Schriftsteller Jules Verne („In 80 Tagen um die Welt“) bereits 1896 schrieb, hatte auch ich bisher zu meinem Mallorca-Motto erhoben: Ich bin jetzt 55, habe aber die Lieblingsinsel der Deutschen stets gemieden – zu abgegrast schien mir das ach so schöne Hinterland. Danke, Monika, dass du mich eines Besseren belehrt hast! „Du wirst es lieben“, versprach sie, als sie die Wandertour auf Mallorca für unseren traditionellen Freundinnen-Urlaub vorschlug. Und sie behielt recht.
Kein Wunder, hat sie mir mit ihrer Tourauswahl von Deià nach Lluc doch ein absolutes Sahnestückchen für Wanderfans präsentiert. Es ist ein Teilabschnitt der „Ruta de Pedra en Sec“. Trockensteinroute nennen die Mallorquiner den Weg im Nordwesten der Insel, abgekürzt heißt er schlicht GR 221. Wer sich daranwagt, auf ihm durch die Serra zu wandern, lernt Mallorca von seiner wirklich stillen Seite kennen: Man übernachtet in Steinhütten (die man unbedingt vorher reservieren sollte) und wandert auf den etwa 50 Kilometern zwischen Deià und Lluc, auf die wir uns beschränken wollen, auf bestens ausgeschilderten Wegen. Irgendwann sollen sogar rund 150 Kilometer von Port d’Andratx im Süden bis Pollença im Norden durchgehend begehbar und mit verlässlichen Hinweisschildern bestückt sein.
Santana machte Deià weltberühmtGleich beim Start unserer Tour in Deià vergessen wir, warum wir eigentlich hier sind. Statt zu wandern, schlendern wir durch das 600-Seelen-Dorf, das als eines der schönsten an der Nordwestküste gilt. Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten es ein paar Schriftsteller und Maler, später folgten Prominente wie die Hollywood-Schauspieler Michael Douglas, Pierce Brosnan und Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber.
Von denen treffen wir keinen. Doch beim Blick runter in Deiàs Bucht traue ich meinen Augen kaum: „Monika, das ist doch ...“ Und natürlich fällt es meiner besten Freundin ein: „Genau, das Motiv vom ,Abraxas‘-Cover.“ Santanas wohl bestes Album aus dem Jahr 1970, mit den Hits „Samba Pa Ti“ und „Black Magic Woman“. Na gut, das Cover ist ein Pop-Art-Bild des Künstlers Mati Klarwein, mit viel Flower-Power-Blumen und einer nackten schwarzen Schönen im Zentrum – Deiàs Bucht spielt da bloß eine Nebenrolle. Aber mir schießen sofort Bilder der ersten Party mit 15 in den Kopf, Gefühle vom ersten engen Tanz zu „Samba Pa Ti“ ziehen vorbei, von meinem Schwarm Jörg …
„Lass uns endlich losgehen“, reißt mich Monika aus meinen Gedanken. Auf meist steinigem, ab und zu von Kieseln und Erdbrocken durchmischtem Boden marschieren wir gemütlich nebeneinanderher, Richtung Sóller zur alten Ölmühle – und kommen langsam in Wanderstimmung.
Tramuntana – etwas Pampa, etwas HeideSanft führt der Weg zunächst fast nur bergab, durch ein Tal voller knorriger Olivenbäume. Bis wir nach zwei Kilometern an eine kleine Bucht mit flachen Kieseln, weißem Sand und türkisfarbenem Wasser gelangen. Badezeit! Aber nur ein paar Minuten. Wir müssen weiter, unsere reservierten Hüttenbetten im Refugi Muleta bei Sóller warten.
Sanft geht es bergauf, dann wieder schräg am Hang entlang oder geradeaus. Schnaufen müssen wir nur selten, dafür staunen wir, wie abwechslungsreich sich das Tramuntana-Gebirge auf diesem Abschnitt präsentiert. Da führt der Pfad mal zwischen mannshohen Wedeln aus Schneidegras hindurch – wie in der südamerikanischen Pampa. Dann blüht Heidekraut zartrosa und in den Johannisbrotbäumen rascheln die schwarzen Schoten. Links tanzen weiße Schaumkronen auf dem Meer, rechts säumen kilometerlange Trockensteinmauern die Hügel.
Die „Pedra en Sec“ gibt es überall auf Mallorca, vor allem aber in zwei Gebieten: Während sie im Süden und Osten dem Regeln des Wassers dienen, wurden sie hier im Nordwesten als Stützwälle für die Felder errichtet, damit bei Regen die obersten Erdschichten nicht talwärts fließen. Seit gut 20 Jahren sind die Steinsetzer wieder dran, die oft halb zerfallenen Mauern und Wege zu restaurieren. Der Wandertourismus soll schließlich in Schwung kommen. Menschen? Sind nirgends zu sehen. Die ersten treffen wir erst wieder in der Ölmühle von Antonia Coll, einer kleinen, stolzen Frau von 85 Jahren. Wie die meisten älteren Mallorquiner im Tramuntana-Gebiet spricht sie nur Spanisch. Doch mit Händen und Füßen können wir ihr klarmachen, was wir wollen: frisch gepressten Orangensaft und Antonia Colls selbst gemachten Sandkuchen, mit Orangenstücken. Tolle Backidee, unbedingt merken.