Zum Wandern auf Mallorca

Mallorca? Dorthin wollte Ingrid Wickert nie. Doch dann lud ihre Freundin sie ein – zum Wandern im Nordwesten der Insel. Und mit jedem Schritt weiter kam sie mehr auf den Geschmack...

Sóller – das Mekka für Wanderer

Für die Coll-Familie war Backen immer nur ein netter Zeitvertreib, erzählt uns ein Engländer, der Antonias Sprache leidlich versteht. Früher hat ihr Clan die Früchte der 1.000 Olivenbäume auf dem Grundstück ausgepresst, um daraus Olivenöl herzustellen. Der dicke Mahlstein und die riesige Auffang-Rinne für das fertige Öl sind immer noch Teil von Colls Eingangshalle.

Eine spannende Geschichte, doch wir wollen noch zehn Kilometer an diesem ersten Tag schaffen. Also reißen wir uns los von Sandkuchen und Mahlstein, wandern weiter, immer ganz nah entlang der Küste. Schweigend laufen wir hintereinander her, ganz verzaubert und überwältigt von der atemberaubenden Bergwelt der Serra Tramuntana, die rechter Hand wie eine Festung in den Himmel ragt und den Nordwesten der Insel gegen das Mittelmeer abschirmt. Ein Anblick, eigentlich viel zu schön, um ihn gleich wieder zu verlieren.

Doch in Sóller – berühmt für seine historische Bimmelbahn – wartet in einem Café direkt auf der „Plaça Constitució“ schon die nächste kulinarische Spezialität auf uns: „Orange Sóller“ – ein großes Glas mit frisch gepresstem Saft und einer Kugel Orangeneis mit Sahne. Dazu gönnen wir uns zwei Ensaimadas, wagenradgroße süße spanische Hefeschnecken – so gefällt mir Wandern am besten.
Sóller ist so etwas wie das Mekka von Mallorcas Wanderwelt. Rund um die Plaça werden an Sommer-Nachmittagen die Stühle in den Cafés knapp. Die Wanderer drapieren ihre Rucksäcke um die Tische herum und fachsimpeln im Schatten der Bäume über Entfernungen und Steigungen. Wie gut, dass wir inzwischen schon etwas mitreden können und unser Übernachtungs-Domizil, das Refugi Muleta (eine Steinhütte bei Port Sóller), nur noch einen Katzensprung entfernt ist. Hier philosophiert man bis spät in die Nacht über die Zeit, als die Orangen aus dem nahe gelegenen Tal mit 100.000 Orangenbäumen noch mühsam über die schmalen Pfade der Sierra Tramuntana bis in die Hauptstadt Palma geschleppt werden mussten, um sie von dort vor allem nach Frankreich zu verschiffen. Über diese schmalen Pfade geht es für uns am zweiten Tag weiter, Richtung Schlucht von „Es Barranc“, knapp drei Kilometer östlich von Sóller.

Traum-Panorama am Coll de l’Ofre

Bis zum „Coll de l’Ofre“ – nah der Schlucht – wird es ganz schön steil, laut meiner Wanderkarte sind es 800 Höhenmeter bis zum Gipfel. Und scheinbar endlos winden sich die Steinstufen des ehemaligen Karrenweges in Spitzkehren nach oben. Aber wer den 1.090 Meter hohen Berg erklommen hat, wird mit einem einmaligen Panorama entschädigt: Wir lassen den Blick schweifen, drehen uns im Kreis und zählen zehn mächtige Felshünen – ebenfalls Tausender, mindestens. Alle Berge sind zwar einige Kilometer von uns entfernt, aber gefühlt zum Greifen nah.
Wir machen uns an den Abstieg und sind fast überrascht, am etwa zwei Kilometer entfernten Cúber-Stausee wieder auf Menschen zu treffen. Keine Wanderer, nein, Vogelbeobachter. Stundenlang suchen sie den Himmel bereits nach Zwergadlern und Mönchsgeiern ab, erzählt das Paar. Und als genau in diesem Moment ein Mönchsgeier über die Gipfel schwebt, drehen sich die Fernrohre der zwei wie in einer einstudierten
Choreografie zu dem Vogel.

Gut zwei Kilometer östlich des Stausees liegt die Steinhütte am Tossals Verds. Der Vorhang der Dunkelheit hat sich mittlerweile vor der Natur-Bühne gesenkt. Zeit für das Abendessen. An einem langen Holztisch serviert der Hüttenwirt mallorquinische Hausmannskost: mit Hackfleisch gefüllte Auberginen, Fischeintopf mit Kartoffeln, zum Nachtisch saftige Melone und katalanische Creme. Nachschlag und Rotwein sind gratis.
Das löst die Zunge, Zeit zum Lästern für die echten Wander-Asse am Tisch: „Erst mit einer Hüttenübernachtung kriegst du ein richtiges Wandergefühl“, sagt Henrik Lakner. Tagesausflügler bekämen das nicht. Der 57 Jahre alte Däne kennt sich aus, seit Jahrzehnten schultert er in den Ferien seinen Rucksack und erklimmt mit seiner Frau Kirsten (53) und einem befreundeten Ehepaar die Berge. Auf Mallorca wandert er allerdings zum ersten Mal.

Für erfahrene Geher stelle der GR 221 keine allzu große Herausforderung dar, sagt der Experte, aber klimatisch seien die Inselberge auf jeden Fall eine Reise wert. „Perfekte Temperaturen: warm, aber nicht heiß.“ Zumindest zwischen Spätsommer und Mai.

Das Kloster mitten im Zauberwald

Schade nur, dass tags darauf der Nebel kommt. Ausgerechnet bei unserer anspruchsvollsten Etappe, die dreieinhalb Kilometer nordöstlich des Tossals Verds startet. Sie führt eigentlich auf den Puig de Massanella und damit in 1.352 Meter Höhe. Doch wir brechen den Aufstieg wegen des Wetters ab, kehren um und wandern weiter, bis aus dem graubraunen Schleier endlich das wunderschöne Kloster Lluc, unser Tourziel, auftaucht. Zauberwälder umgeben den heiligen Ort, an dem die Mallorquiner ihre schwarze Madonna anbeten. Doch im Klosterhof herrscht ein Menschen-Gewimmel, das mich nach den stillen Tagen in den Bergen schon nach kurzer Zeit nervt. Also schnell in die Hütte, ins Refugi Son Amer. Keine zehn Minuten sind das von hier. Und prompt reißt urplötzlich der Himmel auf, gibt kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Bühne frei für ein aufregendes Farbenspiel. Langsam geht das satte Grün der Bergrücken über in ein dunkles Türkis, später in Nachtblau, bis die Tausender in der Tramuntana nur noch als schwarze Schatten in den Himmel stechen. Es ist fast so, als säße hinter dem großen Vorhang ein mitfühlender Magier mit dem richtigen Gespür für eine gute Pointe. Pech für Jules Verne, dass er all das versäumt hat.

 

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