Zu Fuß Gomera entdecken
Dichter Wald Hochland, spektakuläre Plateaus mit weitem Blick aufs Meer, tief eingekerbte Schluchten und das ganze Jahr über Frühling: Wenn es ein Paradies für Wanderer gibt, dann ist es die Kanareninsel Gomera. Lutz Kaulfuß war zum ersten Mal dort und entdeckte faszinierende Natur auf kleinstem Raum.
Faszination Gomera
© Jörg Henkel Hamburg / pixelio.de
Und er hat doch Recht. Auf 1000 Meter Höhe ist es unerwartet frisch. „Lasst Euch von der Sonne nicht täuschen“, hatte Josef Knoflach am Morgen gesagt. Und jeder hat an diesem strahlend-warmem Morgen innerlich den Kopf geschüttelt. Doch Josef Knoflach kennt inzwischen seine Insel – vor mehr als 20 Jahren kam er aus Tirol hierher, um Touristen die Schönheit Gomeras zu zeigen. Und sie, trotz Sonne, vor der Kühle der Berge zu warnen. Zwar liegen zwischen dem Start im Bergdörfchen El Cercado und der kleinen Hochebene nur wenige Höhen-Meter. Doch hier oben pfeift der Wind doch recht ordentlich. Kein schützender Fels, kein Baum hält ihn im Zaum. Dafür ist der Ausblick schlicht grandios: In der Ferne schimmert schwarz-violett zerklüftete Berghänge, dort drüben glitzert von türkis über blau bis grün das Meer. Bis dorthin das matte Grüngrau der Fetthennen und der Zistrosen, gepaart mit vielen gelben Farbtupfern der Ginstersträucher. Dazu Golddisteln, wilde Artischocken. Und über uns ein fast kitsch-blauer Himmel.
Eigentlich will man nur stehen bleiben, sich immer wieder drehen, um die Farben, das Licht aufzusaugen. Doch Josef Knoflach („Sagtst oifach Sepp zo mr“) drängt zum Aufbruch: „Dort drüben beginnen der Regenwald.“ Und wer die Augen zusammenkneift, kann ganz rechts zwischen den Felsen den Eingang einer gewaltigen Schlucht erahnen. Dort beginnt das Valle Gran Rey – die schönste Wanderregion Gomeras. Kaum vorstellbar, dass nur wenige Minuten entfernt fast tropisch anmutende Wälder, über und übervoll mit exotischen Pflanzen und Blüten warten.
Ein Holzpfahl am Weg mit der Aufschrift „PR LG 12“ weist den Weg nach La Calera, dem Ziel, sieben Kilometer entfernt – und doch in einer anderen Welt. Denn obwohl Gomera gerade 24 Kilometer Durchmesser hat, versammeln sich auf der Insel fast alle Natur- und Vegetationsformen, die es auf der Erde gibt.
Vier Stunden soll der Weg dauern, 900 Höhenmeter hinunter. Steil. Sehr steil. Zwar ist der Pfad gut ausgebaut. Dennoch schlängelt sich der Weg in abenteuerlichen Serpentinen talwärts. Und mit jedem Schritt hat man das Gefühl, dass sich Pflanzen und Blüten verändern. Mehr und mehr übernehmen feucht glänzende Farne und exotische Blüten in Orange und Rot. Und mit jeder Kehre zieht irgendetwas den Blick magisch an: eine kleine Hütte, die sich an die Terrassen der Berghänge drückt, ein paar Ziegen, die rufen, dann wieder ein kleiner plätschernder Wasserfall, und das Ganze eingebettet in dramatische Felswände, die teilweise 1.000 Meter senkrecht in die Höhe wachsen. Wieder möchte man, wie Haus-guck-in-die-Luft nur um sich schauen, schnuppern, riechen.