Das Wunder von Dresden
Wie kein anderes Bauwerk spiegelt die Frauenkirche in Dresden deutsche Geschichte wider – aber auch die Liebe vieler Menschen. Inge Pett spürte diesen besonderen Geist, als sie in Dresden in das Gotteshaus eintauchte, Menschen traf, für die die Frauenkirche viel, viel mehr ist.

© Helga / pixelio.de
Kann man sich in eine Kirche verlieben? Wer je die Frauenkirche in Dresden betreten hat, wird sofort sagen: Ja! Hell, freundlich, warm wie ein überdimensionales Wohnzimmer, prächtig erhaben, ohne zu erdrücken, umfängt einen der runde Innenraum. Fast magisch wird der Blick nach oben gezogen – zum golden und weiß strahlenden Altar, zu den Emporen, zur fast schwebenden Kuppel. Gloria in excelsis deo, ehre den Gott in der Höhe – wohl kaum eine andere Kirche versinnbildlicht dieses Kirchenlied mehr.
Es gibt wieder bei vielen Menschen eine Grundsehnsucht nach Geborgenheit und Frieden“, erzählt Eberhard Burger, der von 1992 bis 2005 als Baudirektor den Wiederaufbau der Kirche maßgeblich beeinflusste und den die Kirche seitdem nicht mehr loslässt. Auch er versucht, obwohl er längst in Rente ist, frühmorgens „seine Kirche“ zu genießen, bevor sich (oft) viele Besucher durch den prachtvollen Raum schieben. Spätestens um 8 Uhr sitzt Burger auf einer der seitlichen Emporen, genießt das morgendliche Licht, das auf den vergoldeten Hochaltar fällt. Eine bewegende biblische Szene steht darauf im Zentrum: Jesus betet im Garten Gethsemane, während seine Jünger schlafen und sich Soldaten nähern, um ihn gefangen zu nehmen. Jeden nimmt dieser prächtige, restaurierte Altar, den der Bildhauer Johann Christian Feige vor 300 Jahren schuf, für sich ein. Angeordnet ist der Altar auf einer Achse mit der Orgel und der Kanzel im Chor. Vielleicht ist es diese unaufdringliche Eleganz der abgerundeten Emporen dar-über, die der Frauenkirche ihren Glanz geben. Oder die beiden Kuppeln – eine kleinere innere und eine große Außenkuppel aus Elb-Sandstein, die den Raum überspannen, die dieses erhabene Gefühl erzeugen. Für Eberhard Burger sind es vor allem die vielen Details, die von der Gesamtpracht oft überdeckt werden. Er zeigt auf die Kapitelle von zwei Säulen. Darauf die Köpfe anmutiger Engel, mit Halbedelstein poliert. Dazu das Glas der Fenster daneben, mundgeblasen. Feinste Handwerksarbeit, größtenteils von Dresdner Spitzenkönnern ausgeführt. Ein Gesamtkunstwerk, aus dem auch eines spricht: die Liebe zur Heimat.
Eine Liebe, die auch Eberhard Burger in sich trägt, weshalb der heute 67-Jährige auch nie den 15. Februar 1945 vergessen wird. Den Tag, als die Dresdner Frauenkirche nach zwei Tagen Bombenkrieg zusammenfiel – und für Jahrzehnte dem Erdboden gleichgemacht war. „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“, schrieb damals der Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) – und er sprach vielen aus dem Herzen.
Wer das Weinen verlernte …Eberhard Burger empfand so; wie Hunderttausende Dresdner, wie Hunderttausende, die in den Wirren der letzten Kriegsmonate durch Dresden gen Westen flohen. „Ich bin aufgewachsen zwischen Ruinen“, erinnert er sich, „dort, wo heute wieder die Kirche steht, befand sich in meiner Kindheit nur ein Trümmerberg – zwar erhaben, aber auch bedrohlich. Schafe weideten ringsum.“ Die Dresdner Frauenkirche wurde zum Mahnmal für die Folgen der Nazis – weshalb die Kirche in der DDR nicht mehr aufgebaut wurde.
Doch der Fall der Mauer änderte alles. So war es kein Zufall, dass Bundeskanzler Helmut Kohl die Silhouette der Ruine der Frauenkirche wählte, um am 19. Dezember 1989 seine historische Rede über die Zukunft des geeinten Deutschlands in einem neuen Europa zu halten. Und so war es auch kein Zufall, dass für Eberhard Burger wie für Millionen Menschen in Ost- und (!) Westdeutschland sofort klar war: Auch diese Wunde im Herzen der Dresdner Altstadt sollte endlich heilen.
Bereits wenige Wochen nach dem Mauerfall wurde so eine der größten – und erfolgreichsten – Bürgerinitiativen Deutschlands gegründet: die „Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche“. Ihr erster Vorsitzender und Sprecher: der Musiker Ludwig Güttler, einer der bekanntesten Trompeter weltweit. Als Startkapital spendete er – welch Symbolik – die 30.000 Euro seines DDR-Nationalpreises. Am 13. Februar 1990 schließlich ging dann der legendäre „Ruf aus Dresden“ um die Welt, in dem es hieß: „Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass dieses einmalige und großartige Bauwerk Ruine bleiben soll oder gar abgetragen wird. Wir rufen auf zu einer weltweiten Aktion des Wiederaufbaues der Dresdner Frauenkirche zu einem christlichen Weltfriedenszentrum im neuen Europa.“
Von der Resonanz wurde Eberhard Burger ebenso überrascht wie überwältigt. Die Frauenkirche wurde einmal mehr zum Symbol: Kinder plünderten ihre Sparschweine; Witwen überwiesen ihr Erbe; Bäcker verkauften Roggenmischbrote, die die Form des Kirchengrundrisses hatten; der Medizin-Nobelpreisträger Günter Bobel stiftete sein Preisgeld von fast einer Million Euro, viele Städte im Westen sammelten für „ihren“ Pfeiler beim Wiederaufbau. Am Ende spendeten etwa eine Million Menschen bis zur neuen Weihe der Kirche am 30. Oktober 2005 insgesamt gut 100 Millionen Euro. Hinzu kamen mehr als 70 Millionen Euro vom Bund, vom Freistaat Sachsen und von der Stadt Dresden, sodass am Ende für 178 Millionen Euro die Frauenkirche wiederauferstehen konnte – im wahrsten Sinne aus Ruinen.