Das Wunder von Dresden

Wie kein anderes Bauwerk spiegelt die Frauenkirche in Dresden deutsche Geschichte wider – aber auch die Liebe vieler Menschen. Inge Pett spürte diesen besonderen Geist, als sie in Dresden in das Gotteshaus eintauchte, Menschen traf, für die die Frauenkirche viel, viel mehr ist.

Größtes Puzzle der Welt

Denn: Ende 1992 begann die „archäologische Enttrümmerung“, wie Experten das Abräumen des 22.000 Kubikmeter umfassenden Schuttberges nannten. Stein für Stein, Schicht für Schicht wurden die Trümmer 17 Monate lang systematisch abgetragen – das „größte Puzzle der Welt“. Und immer wieder gab es Überraschungen: So konnte selbst das alte Kuppelkreuz, das heute, umgeben von einem Kerzenmeer, in der Kirche platziert ist, geborgen werden. Und die Bau-Künstler um Eberhard Burger waren überaus erfolgreich – die neue Frauenkirche besteht heute zu 45 Prozent aus historischem Material. Die durch Oxidation geschwärzten Steine zeugen bis heute davon. Dieser Ansatz, die Wunden eines historischen Gebäudes zu zeigen, war gänzlich neu in der Baugeschichte. Verabredet war: so originalgetreu wie möglich, so modern wie nötig bauen.

Glück, das man nie vergisst

Dabei waren viele Details des Wiederaufbaus stark umstritten. So etwa, als es um das Fragment des Westgiebels ging, das nach Meinung einiger als Mahnung vor dem Gebäude liegen bleiben sollte. Oder beim Streit mit den Handwerkern, die ursprünglich das neue Turmkreuz fertigen wollten. Dann jedoch kam das Angebot aus England, dieses Kreuz zu spenden – als Symbol für Versöhnung und Neuanfang. Der Herzog von Kent übergab das Kuppelkreuz – gefertigt wurde es vom Londoner Goldschmied Alan Smith, dessen Vater als junger Pilot an der Zerstörung Dresdens beteiligt war und dies sein Leben lang nicht verwunden hat. Und noch immer kommen Einheimische und Touristen fast jeden Tag auf Eberhard Burger zu, um ihm von ihren Erlebnissen mit der Frauenkirche zu erzählen.

Es sind genau diese persönlichen Erlebnisse, die die Frauenkirche zu einer besonderen Kirche machen. Zum Beispiel auch für die Apothekerin Sigrid Kühnemann aus Celle: Auf ihrer Flucht 1945 kam sie nur durch Zufall nicht durch Dresden – und überlebte. Dieses Glück vergaß sie nie. Und deshalb sammelte sie Anfang der 90er- Jahre über eine halbe Million Euro für eine Säule. Nur einer von Tausenden Lebenswegen, die untrennbar mit der Frauenkirche verbunden sind. Genauso jener frühe Morgen. Vor der Tür stand Vladimir Putin, höchst vergnügt, seinen Leibwächtern entwischt zu sein. Etwa 20 Minuten sei der jetzige russische Ministerpräsident in der Kirche geblieben, hoch konzentriert und unerwartet locker und entspannt, erzählt Burger. Die prächtige steinerne Glocke hatte es Putin besonders angetan. Für Burger ein weiterer Beleg dafür, dass die Frauenkirche Menschen anrührt. „Und wenn nur jeder zweite Besucher die Kirche friedlich verlässt, hatte der Wiederaufbau Sinn.“ Kann man sich in eine Kirche verlieben?

 

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