Teure Intensivstation

Bereits jede 3. Intensivstation lehnt Verletzte regelmäßig ab. Notärzte müssen oft eine Stunde telefonieren, bis sie ein freies Bett finden, häufig Dutzende Kilometer entfernt – mit fatalen,lebensbedrohlichen Folgen. Deshalb schlagen Notärzte Alarm.

Peter Salvator

Montagvormittag in einer großen Stadt im Rheinland. Peter Salvator* (57) sitzt im Gespräch mit seinen Mitarbeitern. Plötzlich kann er ihnen nicht mehr folgen. Etwas stimmt nicht mit ihm. Kalter Schweiß steigt auf seine Stirn. Das Atmen tut weh. Salvator wird leichenblass. Rasch merken es auch die Kollegen. Schließlich wählt einer 112. Keine zehn Minuten später ist der Notarzt da. Entschlossen und mit der Ruhe jahrelanger Erfahrung untersucht er seinen Patienten: wahrscheinlich ein Infarkt. Infusion und Medikamente stabilisieren Salvator. Trotzdem muss er sofort ins Krankenhaus, damit der Infarkt das Herz nicht auf Dauer schädigt. Schon bringen die Sanitäter ihn in den Rettungswagen – keine 25 Minuten nach dem Notruf, ein geradezu „idealer Infarkt“. Doch dann beginnt das Warten. Die nächstgelegene Klinik meldet: kein freies Intensivbett. Auch beim zweiten Krankenhaus ist der Notarzt erfolglos. Ebenso beim dritten. Erst bei der vierten Klinik ist der Notarzt erfolgreich. Endlich fährt der Rettungswagen mit Peter Salvator los, um ans andere Ende der Stadt zu kommen. 39 Minuten nach dem Notruf.

Krankenwagen irren umher
Ein typischer Fall, der jeden Tag hundertfach genauso in Deutschland passiert. Notärzte schlagen jetzt Alarm: Bereits jede dritte Intensivstation lehne Notfälle häufig ab. „In Koblenz beispielsweise kommt es oft vor, dass ein Notarzt lange herum-telefonieren muss, bis er ein freies Krankenhaus findet“, beobachtet auch Dr. Hermann Reitze, Anästhesist und leitender Oberarzt an der Kemperhof-Klinik in Koblenz. Notärzte berichten, dass sie bis zu 60 Minuten am Telefon suchen, bis sie endlich ein freies Intensivbett gefunden haben. „Das kann für Patienten sehr gefährlich werden! Etwa wenn das Gehirn nach einem Schlaganfall zu wenig Sauerstoff bekommt oder bei einem Infarkt der Herzmuskel nicht genügend durchblutet wird. Da kommt es auf jede Minute an“, sagt Reitze. Kennt er einen Fall, in dem ein Patient gestorben ist, weil der Notarztwagen zu lange nach einer freien Intensivstation suchen musste? Er schweigt, sagt dann: „Diese Frage möchte ich nicht beantworten.“

Viel zu wenige Betten
Rund 23.000 Intensivbetten gibt es in Deutschland, so viele wie vor zehn Jahren. Nötig aber wären mittlerweile 28.500. Denn: „Durch den medizinischen Fortschritt können wir heute Ältere operieren, für die es früher keine Therapie gab“, sagt Professor Michael Quintel, Direktor der Abteilung für operative Intensivmedizin an der Universitätsklinik Göttingen. „Je älter aber jemand ist, umso eher braucht er die intensive Betreuung.“
Und die kostet. Rund 1.400 Euro Kosten verursacht ein Intensivbett pro Tag. Ein normales Krankenhausbett dagegen nur etwa 200 Euro. Diese deutlich höheren Kosten werden aber nur unzureichend durch Fall-Pauschalen gedeckt, nach denen jeder Patient im Krankenhaus abgerechnet wird. So „bringt“ ein Herzinfarkt der Klinik etwa 2.500 Euro, ein Schlaganfall nur 2.900 Euro. Liegt jemand aber dann mehrere Tage auf der Intensivstation, wird dies für die Klinik schnell zum Verlustgeschäft. Kein Wunder, dass Krankenhäuser lieber in Abteilungen wie Orthopädie oder plastische Chirurgie investieren (siehe Rechnung auf nächste Seite).

Ärzte viel zu jung
Geld spielt auch bei einem anderen Problem auf Intensivstationen eine Rolle – bei den Ärzten. Stefanie Albers* arbeitet seit sieben Jahren als Krankenschwester auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Bayerisch-Schwaben. Obwohl selbst erst 28, hat sie, was vielen Ärzten fehlt: Erfahrung. „Gerade auf der Intensivstation muss man blitzschnell reagieren“, sagt Stefanie Albers, „aber die jungen Ärzte sind häufig zu unerfahren und wissen nicht, wie sie die Geräte bedienen müssen und welche Medikamente Patienten brauchen.“ Verantwortlich für den Missstand, so Stefanie Albers, sind die Verwaltungen der Krankenhäuser: „Ärzte und Pfleger betrachtet man dort doch nur noch als Kostenfaktor.“

Das will Holger Strehlau so nicht stehen lassen. Er ist Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft und Sprecher der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. „Wir wissen, dass das Arbeitspensum auf vielen Intensivstationen zugenommen hat“, erklärt Strehlau. „Doch für mehr Stellen fehlt den Kliniken das Geld.“ Er begründet das so: „Die Lohnkosten steigen jährlich, aber die Fallpauschalen nicht.“ Wie lange seine Klinik das durchhält? „Für zwei, drei Jahre haben wir noch Reserven“, schätzt Strehlau. „Bis dahin müssen wir mit Einsparungen wieder schwarze Zahlen schreiben.“ Und danach? „Wenn die Kosten-Schraube weiter so angezogen wird, muss die Politik entscheiden, welche Leistungen das Gesundheitssystem noch übernehmen kann“, glaubt Strehlau. Düstere Aussichten, die in anderen Ländern schon Praxis sind. In Großbritannien etwa werden Menschen über 80 oft einfach nicht mehr auf Intensivstationen verlegt.


 

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