Wäre ich doch früher zum Arzt ...

Viele Krankheiten wie Diabetes oder Herzmuskelschwäche sind tückisch, weil sie keine Beschwerden verursachen. Durch Vorsorge kann man diese früh erkennen, wenn man diese nutzt.

Herzmuskelschwäche nicht erkannt

»Herzmuskel: Mein Leben hängt an vier Tabletten«
Herzmuskelschwäche nicht erkannt
Mein Leben hängt an vier Tabletten

Früher, da habe ich begeistert Tennis gespielt. Ich war fit und agil, nichts war mir zu viel. Ich fühlte mich stark und unverletzlich. Es gab nichts, was ich nicht regeln konnte. Früher, da war mein Leben ein anderes.
Heute hängt es an vier Tabletten. An Tennis ist nicht mehr zu denken. Ich darf Gymnastik machen, walken, schwimmen, aber nur ganz langsam. Alles, was schnell ist, was mich zum Schwitzen bringt, muss ich lassen.
Noch heute, zehn Jahre danach, frage ich mich oft: Warum bist du damals nicht einfach zum Arzt gegangen?
Damals, das war kurz nach einer heftigen Erkältung. Ich fühlte mich müde. Stieg ich Treppen hoch, ging mein Atem schwer. Ganz normale Nachwirkungen, dachte ich. Dein Körper ist noch nicht 100-prozentig fit. Ein paar Wochen später ging es mir dann auch schon wieder besser. Nur ab und zu war ich danach noch abgespannt. Alles kein Grund zur Aufregung – dachte ich.
Ein Jahr später, mein 50. Geburtstag rückte näher, meldete ich mich zur normalen Vorsorge an. Habe ich da vielleicht schon etwas geahnt? Meine Erkältung hatte ich auf jeden Fall längst vergessen. Und eigentlich wollte ich mir, nachdem ich ewig nicht beim Arzt war, auch nur die beruhigende Nachricht abholen: alles in Ordnung! Frohen Mutes ließ ich also ein EKG machen, mir Blut abnehmen, die Lunge abhorchen, den Bauch abtasten und den Blutdruck messen.

Dann der Schock. Nicht, was der Hausarzt sagte, sondern wie er es sagte, machte mir von einem Moment zum anderen klar: Ich bin ernsthaft krank. Mit ernster Miene und festem Blick erklärte er mir: „Auf Ihrem EKG ist ein Linksschenkelblock zu sehen, das heißt, im Erregungsleitsystem gibt es eine Störung. Auf Deutsch: Ihr Herz ist krank.“
Über die Ursache konnte er nur spekulieren. Ob ich eine Erkältung verschleppt hätte, fragte er mich. Natürlich, jetzt erinnerte ich mich wieder.
Ungewöhnlich schnell bekam ich einen Termin in der Kardiologie der Uniklinik. Vor der Untersuchung per Herzkatheter hatte ich schreckliche Angst. Angst vor dem Eingriff. Angst vor dem Ergebnis. Was war mit meinem Herzen los? Wie lange werde ich noch leben?
Der Eingriff war dann tatsächlich völlig schmerzlos, denn in den Arterien und im Herzen gibt es keine Nerven, die Schmerzen weiterleiten. Auf einem Monitor sah ich mein Herz pumpen. Es sah so stark und gesund aus. Als dann durch den Katheter ein Kontrastmittel gespritzt wurde, konnte ich sogar meine Herzkranzgefäße sehen. Ich fand das alles so spannend und interessant, dass ich meine Angst vergaß.
Das Ergebnis allerdings holte mich rasch wieder in die Realität zurück: Der Herzmuskel ist geschwächt, die linke Seite krankhaft erweitert. Der Kardiologe nannte es dilatative Kardiomyopathie. Während mein Hausarzt noch spekuliert hatte, war er sich fast sicher: Die Erkältung vor einem Jahr war vermutlich der Auslöser. Wahrscheinlich haben sich damals Viren in mein Herz genistet und dann eine Herzmuskelentzündung ausgelöst. Das passiert sogar relativ häufig, sagte der Arzt noch. Trösten konnte mich das aber leider überhaupt nicht.

Im Gegenteil. Als ich erfuhr, dass ich das Ganze hätte verhindern können, wurde ich sauer. Sauer auf mich und meine Sorglosigkeit. Wenn ich doch nur rechtzeitig zum Arzt gegangen wäre! Der hätte die Entzündung im EKG gesehen, ich hätte mich nur ein paar Wochen schonen müssen, und mein Herz wäre heute noch gesund.
Hätte, wäre, wenn. Es nützt nichts, so zu denken. Ich habe gelernt, mein krankes Herz zu akzeptieren. Manchmal, wenn ich doch mit meinem Schicksal hadere, versuche ich, ganz rational zu sein. Dann sage ich mir, immerhin habe ich es überlebt. Andere sind an Herzmuskelentzündungen gestorben.

 

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